Vor der Gründung: die Jahre 1965 - 1973
Ausgangslage
Die Lebens- und Wohnverhältnisse in den hessischen Obdachlosenquartieren sind menschenunwürdig, entwicklungshemmend, stigmatisierend und gesundheits- gefährdend. Hier wird die Ausgrenzung der dort lebenden Menschen verfestigt. Teilhabemöglichkeiten am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben sind kaum vorhanden. Das Leben in engen, feuchten und verschimmelten Schlichtbauten ohne ausreichende sanitäre Anlagen, Heizung und Isolierung ist unzumutbar.
1964/65
Nachdem schon Anfang der sechziger Jahre z.B. in der Lohwaldsiedlung in Offenbach einzelne Bewohnerinnen und Bewohner in den Unterkünften aktiv wurden, werden nun sozialkritischer Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit engagierten Studenten auf die Mißstände in den Elendsquartieren aufmerksam. Ehrenamtliche Angebote sollen vor allem die Situation der Kinder z.B. durch Hausaufgabenhilfe und Spielnachmittage verbessern. Erste Initiativen entstehen u.a. in Gießen auf der Margaretenhütte und am Eulenkopf, in Marburg "Am Krekel" und im Wiesbadener "Mühltal".
1967
Die ehrenamtlich tätigen Initiativen haben das Problembewußtsein auch bei staatlichen Stellen mittlerweile so weit geschärft, daß das Landesjugendamt erste Richtlinien "Offene Erziehungshilfen" erstellt. Die Förderung von Projekten in Sozialen Brennpunkten beginnt. Als eine der ersten in Hessen wird die Spiel- und Lernstube des Arbeitskreises Notunterkünfte e.V. (AN) in der Marburger Obdachlosensiedlung "Am Krekel" gefördert. 5 Jahre später werden bereits 31 Projekte unterstützt.
1968/69
Angestoßen durch die Studentenbewegung entsteht eine gesellschaftspolitische Diskussion über die Entstehung und Funktion von Randgruppen. Ein politisches Interesse an Themen wie Schulversagen, Delinquenz, Heimunterbringung entsteht. Nicht mehr allein die "Hilfen" für die Kinder und Familien stehen im Vordergrund. Es geht um die "Selbstorganisation", um politische Aktionen mit den "Betroffenen". Erste Bewohnerräte entstehen. Begriffe wie "Präventive Jugendhilfe", "Chancengleichheit", "Kompensatorische Erziehung", "Gemeinwesenarbeit" bestimmen die Fachdiskussion. Engagierte Wissenschaftler bringen ihre Kompetenzen in die Entwicklung von Konzepten für einzelne Obdachlosensiedlungen ein.
1971
Der Wunsch nach Erfahrungsaustausch und Stärkung der Lobbyarbeit veranlaßt die MitarbeiterInnen der Spiel-und Lernstuben in Hessen, sich mit Unterstützung des Landesjugendamtes zu einer landesweiten Arbeitsgemeinschaft zusammenzuschließen.
1972
Die Forderung nach umfassenden Interventionskonzepten für die Sozialen Brennpunkte mit einer Orientierung an individuellen, sozialen und strukturellen Problemlagen zeigt auch bei den politisch Verantwortlichen Wirkung: Im Hessischen Landtag findet eine wegweisende Debatte "Zur Lage der Obdachlosen" statt. Das Land Hessen, der Landeswohlfahrtsverband Hessen, einzelne Kommunen und Freie Träger ermöglichen mit ihrer finanziellen Förderung einen Ausbau der Arbeit vor Ort. 1973
Im Januar veröffentlicht der Hessische Sozialminister seinen Erlaß "Hilfen für Obdachlose, Grundsätze zur Verbesserung der Lage der Obdachlosen in Hessen". Diese Empfehlung an die Kommunen und Landkreise ist bis heute (einschließlich seiner beiden Überarbeitungen) ein wichtiger Handlungsrahmen für die Arbeit in Sozialen Brennpunkten, nicht zuletzt wegen seiner begleitenden Finanzierungsrichtlinien
Aufbau und Differenzierung: die Jahre 1974 - 1982
1974
Nach intensiver Plattform- und Satzungsdiskussion gründen Bewohnerinnen und Bewohner aus den Brennpunkten zusammen mit engagierten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in Neuweilnau/Taunus am 15./16.06 1974 die Landesarbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte Hessen e.V.. Die Vernetzung von Projekten, die überörtliche Zusammenarbeit von sozialen Fachkräften und Bewohnervertretungen aus den Siedlungen, die fachliche und sozialpolitische Kooperation und die Formulierung gemeinsamer Interessen sind die Hauptgründe für die Vereinsgründung. Die ersten zentralen Landes- Tagungen finden statt. Im Vordergrund steht dabei der Erfahrungsaustausch. Der Ausbau und die Förderung der Kontakte unter den Siedlungen und Projektgruppen wird auch durch die satzungsmäßig festgeschriebenen Regionalversammlungen unterstützt.
1976
Die örtliche Gemeinwesenarbeit wird ausgebaut. Neue Projekte entstehen. Die Notwendigkeit neuer Angebote führt vor Ort zur Ausdifferenzierung der Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit. Es entwickeln sich eigenständige Arbeitsfelder wie Vorschularbeit, sozialpädagogische Schülerhilfen, offene Jugendarbeit und Erwachsenenarbeit mit Sozialberatung und allen Arten der Zielgruppen- und Bildungsarbeit. Dadurch verändern sich die Anforderungen an die LAG als Beratungs-, Bildungs- und Lobbyinstanz auf Landesebene. Ehrenamtliches Engagement der Vereinsmitglieder allein reicht nicht mehr aus. Professionalisierung wird notwendig.
1977
Die LAG erhält vom Land Hessen ihren ersten Bewilligungsbescheid für die Arbeit der Geschäftsstelle und beschäftigt erstmals Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf ABM- und Honorarbasis. Sie bezieht ihre Geschäftsstelle in der Moselstraße 25 in Frankfurt. Mit Unterstützung der LAG wird das erste hessenweite Treffen der Frauengruppen aus Sozialen Brennpunkten organisiert. Dieses kann ab 1978 durch die Kooperation mit der Hessischer Landeszentrale für politische Bildung jährlich stattfinden.
1978
Die LAG reagiert auf mit der Organisation eines landesweiten Aktionstages "Gegen Armut – für unsere Rechte" in Wiesbaden.
1979
Die LAG ist an der Organisation der ersten bundesweiten "Kindergeldaktion" in Bonn maßgeblich beteiligt. Für die Forderung, das Kindergeld nicht auf die Sozialhilfe anzurechnen, demonstrieren ca. 2000 Menschen, davon viele Frauen mit Kindern aus den hessischen Siedlungen. Die Differenzierung der Arbeit "vor Ort" führt zur Einrichtung ständiger Arbeitsgruppen der LAG unter Beteiligung von Betroffenen und Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeitern für die Bereiche Sozialhilfe, Wohnen und Mieten, Gemeinwesenarbeit, Jugend und zur Neudefinition von Sozialen Brennpunkten.
1980
Die LAG beteiligt sich in Zusammenarbeit mit dem Institut Wohnen und Umwelt (IWU) an dem Forschungsprojekt "Struktur und Umfang von Obdachlosigkeit in Hessen".
1982
Der Offenbacher Sozialhilfeverein wird nach langer Diskussion als erstes Mitglied dieser Art in die LAG aufgenommen Professionalisierung und Spezialisierung: die Jahre 1983 - 1993
1983
Politikwechsel in Hessen: Lange von der LAG geforderte Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung in den Siedlungen werden realisiert. Das Modellprogramm zur "Sanierung von Unterkünften, Einfachst- und Schlichtwohnungen zur Unterbringung von Obdachlosen" startet. Mit erheblichen Förderanreizen bietet das Land den Kommunen die Chance , kommunalpolitische Hemmnisse zu überwinden und gezielte stadtteil- bzw. quartiersbezogene Maßnahmen umsetzen.Die LAG übernimmt den sozialplanerischen Teil einer Untersuchung des Institut Wohnen und Umwelt zum Modernisierungsbedarf von Obdachlosenunterkünften. Zur Beratung des Sanierungsprogramms wird eine interministerielle Arbeitsgruppe unter Beteiligung der LAG eingerichtet.Die Förderung "dezentraler Beratungsdienste" durch das Land deutet erstmals auf Handlungsbedarf in sogenannten "neuen" Sozialen Brennpunkten hin.
1984
Entwicklungen vor Ort und die landespolitischen Programme führen zu einer Spezialisierung in der LAG. Die Referat Frauenbildung entsteht. Später kommen die Referate Wohnen und Mieten sowie Soziale Sicherung dazu. Nach heftigen Diskussionen um die "Bildungsfähigkeit" von Jugendlichen aus Sozialen Brennpunkten kann die LAG ein Jugendbildungswerk einrichten.Das Handlungsforschungsprojekt Existenzsicherung berät Initiativen zur Arbeitsintegration von Bewohnerinnen und Bewohnern Sozialer Brennpunkte.Das "Zentrum für Frauenkooperativen" (ZFF) wird von der LAG als Modellprojekt in Gießen eingerichtet. Ziel ist die Entwicklung einer beruflichen Perspektive für benachteiligte Frauen. Es wird nach Auslaufen der Modellphase 1989 im Rahmen der Gießener Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft (ZAUG) weiterentwickelt.
1986
Aus den Erfahrungen in der Jugendarbeit in den Siedlungen und der Zusammenarbeit mit den Jugendclubs entsteht als bundesweit erstes Projekt dieser Art die rollende Musikschule ROCKMOBIL. Als weitere Innovationsprojekte für Jugendliche aus Sozialen Brennpunkten entstehen ZELA und BSJ. Unter dem Titel "Maßnahmen für Lokale Beschäftigungsinitiativen" werden vom Hessischen Sozialministerium Beschäftigungs- und Ausbildungsprojekte gefördert.
1987-1989
Es entstehen neue soziale Träger, die qualifizierende Beschäftigungsmaßnahmen z. B. für Jugendliche und Frauen anbieten. Sie stehen meist in engem Zusammenhang mit Gemeinwesenprojekten. Jugendbeschäftigungsprojekte werden vom Landeswohlfahrtsverband im Sinne präventiver Jugendhilfe gefördert.
1990
In Kooperation mit Arbeit und Leben beginnt die LAG ein Mädchenbildungsprojekt zur Stabilisierung und Entwicklung der örtlichen Mädchenbildungsarbeit.1992Die LAG übernimmt die Trägerschaft für das "Büro für Mietermitbestimmung" in Gießen. Die Stärkung der Mietermitbestimmung bei Planungen und Finanzierungen von Modernisierungsmaßnahmen gegenüber einer Wohnungsbaugesellschaft wird erfolgreich erprobt.
1993
Die LAG bearbeitet das Modellprojekt "Soziale Wohn- und Obdachlosenhilfe im Wetteraukreis" zur Vermeidung von Obdachlosigkeit im ländlichen Raum Die Landesregierung legt das Programm "Arbeit statt Sozialhilfe" auf. Die LAG beteiligt sich an der Entwicklung von Standards für dieses Programm.
Neuorientierung: die Jahre 1994 - 1999
1994
Der Hessische Erlass des Sozialministers "Grundsätze zur Verbesserung der Lage in Sozialen Brennpunkten" wird überarbeitet. Die Hoffnungen der LAG, auf eine Erweiterung der Fördermöglichkeiten, auch über die klassischen Brennpunkte hinaus, erfüllen sich noch nicht. Die örtlichen Projekte entwickeln ihre Arbeit zunehmend über die Grenzen der "klassischen Brennpunkte" hinaus und stellen Bezüge zu angrenzenden Stadtteilen her.
1995
Anlässlich der Landtagswahl fordert die LAG ein hessisches Armutsbekämpfungsprogramm gerade im Hinblick auf benachteiligte Stadtteile und macht konkrete Vorschläge. Die Koalitionsvereinbarung sieht vor, dass in 3 Modellstandorten durch die Bündelung von Ressourcen neue Ansätze der Stadtteilarbeit erprobt werden sollen.
1996
Kürzungen der Landeszuschüsse für die Brennpunktarbeit drohen. Mit ihren Mitgliedern führt die LAG eine erfolgreiche Aktionen vor dem Sozialministerium in Wiesbaden durch. Sie trägt dazu bei, das Sozialbudget abzusichern und für 3 Jahre Planungssicherheit zu schaffen.
1997
Steigende Arbeitslosigkeit, wachsende Armut und zunehmende Ausgrenzung ganzer Stadtteile stellt die LAG vor neue Herausforderungen. Die entwickelte Spezialisierung der Arbeitsbereiche in der LAG passt nicht mehr zu den anstehenden komplexen Aufgaben. Deshalb gibt sich die LAG-Geschäftsstelle eine neue Organisationsstruktur. Referate werden zu Sachgebieten zusammengefasst. Zur Koordination der Aktivitäten in benachteiligten Stadtteilen zwischen den verschiedenen Akteuren ist die LAG aktiv an der Gründung der Arbeitsgemeinschaft "Hessisches Projektnetz Wohngebiets- und Stadtteilmanagement" (HEPNEST) beteiligt. Bei einem Besuch in Gießen kann sich der Bundesbauminister vor Ort ein Bild von erfolgreicher Siedlungssanierung machen. Die LAG nutzt ihre Erfahrungen aus der langjährigen Brennpunktarbeit für die soziale Stadtteilentwicklung in neuen Standorten:
Ein von der LAG im Rahmen von HEPNEST gestellter Förderantrag bei der Europäischen Union "Pilotaktion Drittes System und Beschäftigung" ist erfolgreich. Die LAG übernimmt die Projektleitung und richtet in Kooperation mit örtlichen Trägern der GWA in 4 hessischen Städten "Stadtteilwerkstätten" ein. In der LAG startet das vom Land Hessen geförderte Frauen-Modellprojekt IMPULS. Ziel ist die Förderung der Beteiligung von Frauen an der Stadtteilentwicklung.Globalisierungsdebatte, Infragestellung des Sozialstaats und damit verbundener Sozialabbau erfordern auf der politischen Ebene neue Kooperationen: Gemeinsam mit Partnern gründet die LAG das Aktionsbündnis "Soziale Gerechtigkeit in Hessen".
1998
Auf allen Ebenen werden neue Partnerschaften" aufgebaut, entwickelt und erprobt. In den Stadtteilen bedeutet das enge Kooperationen in neuen Strukturen mit Initiativen der Bürgerinnen und Bürgern, Wohnungswirtschaft, lokalem Gewerbe, Beschäftigungsträgern, Verwaltungen und freien Trägern.
1999
Im Zusammenhang mit der Initiative "Soziale Stadt" der Bundesregierung erhalten die Aktivitäten des Hessischen Projektnetzes zusätzlichen Schub. Das Land Hessen formuliert Rahmenbedingungen für die "Hessische Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt" (HEGISS).
Die Entwicklungen ab dem Jahr 2000 werden fort geschrieben.
© LAG Soziale Brennpunkte e.V. 2012